5/26 Stiftungen: Museum oder Zukunft?

Hallo! Du liest Das Neue Geben mit aktuell 6.481 anderen. 📖 Diese Ausgabe vom Montag, 18. Mai 2026 hat 1.650 Wörter · Lesezeit ~7 Minuten


Liebe Lesende,

Ich habe mich über die vielen Rückmeldungen zu meinem Aufruf im letzten Newsletter gefreut, die Zivilgesellschaft wieder zivil statt staatlich zu finanzieren. Es geht damit vermutlich sogar eine neue Tür in der Politik auf.

Diese Woche geht es um Stiftungen, bei der Philea-Konferenz in Kopenhagen, beim Deutschen Stiftungstag in Hamburg  – und auch in meinem Essay. Paul Simon hat die Worte dafür gefunden: „I met my old lover in the street last night ...”. Der biblische Paul schrieb an die Korinther „Liebe freut sich der Wahrheit”.

Ansonsten wird heute ein Namensvetter von mir gefeiert, Werbung für Steuerspar-Stiftungen verboten und die Idee des Private Giving mit PHINEO an den Start gebracht.

Herzlich,

Felix

PS: Danke an alle, die mir bei den German Startup Awards ihre Stimme gegeben haben. Am Donnerstag, 21.5., wissen wir mehr ...


✍️ ESSAY: Die beste Idee aller Zeiten braucht ein Update

("Still crazy after all these years" Paul Simon bei seinem letzten Konzert in Berlin)

Ich liebe das Stiften. So sehr, dass ich seine Krise nicht ignorieren kann. Auch wenn es vielleicht den ein oder anderen in der Branche nervt. Ich ziehe nicht zurück. Ich lege drauf.

Ich habe das Stiften vor, auf und hinter der Bühne erlebt, habe mehr Stiftungen besucht, als ich mich erinnern kann. Einige alte haben mich besonders geprägt. Die Augsburger Fuggerei, gestiftet 1521, fünf Jahrhunderte und mehrere Staatsformen später noch immer bewohnt. Das noch ältere Frankfurter Katharinen- und Weißfrauenstift, dessen Grundbesitz Milliarden wert ist. Es ist nie zu spät für eine schöne Vergangenheit. Aber das Stiften gehört in die Zukunft, nicht ins Museum. Denn Vermögen unwiderruflich an einen guten Zweck zu binden, das bleibt eine geradezu radikale Idee, die wir im 21. Jahrhundert mehr denn je brauchen. Für Daten. Für Naturschutz. Für Kulturgut. Für alles, was ein Eigentümerinteresse mit Halbwertszeit gerade nicht schützen kann.

International, vor allem in den USA, ist die Stiftungskritik in den letzten zehn Jahren zu einer ganzen Bibliothek angewachsen. Rob Reich und andere lehnen Stiftungen als undemokratisch ab. Die Philanthrokapitalismus-Debatte klagt an, dass sie Ungleichheit stabilisieren, statt echten Wandel zu fördern. Anand Giridharadas wirft den Stiftern vor, von Status und Steuerersparnis motiviert zu sein. Dazu passen die Tech-Milliardäre, die mit ihren Stiftungen Macht ausüben, statt Steuern zu zahlen - und sich Demokratien untertan machen.

Auf die deutsche Stiftungslandschaft passt das überwiegend nicht. Sie ist zu vielfältig für diese Kritik. Mindestens vier historische Schichten haben sich übereinander abgelagert: die mittelalterlichen Anstaltsträger wie die Fuggerei, die Stiftungsunternehmen der Industriepioniere, die Förderstiftungen der Wirtschaftswunder-Generation und die Familienstiftungen der jüngsten Erbenwelle. Jede folgt einer eigenen Logik, jede braucht ihren eigenen Maßstab. Wie die globale Debatte diese Schichten trifft, habe ich am Freitag im Handelsblatt beschrieben. Aber Komplexität schützt nicht vor Wut. Und an einem Punkt trifft die Kritik auch hier: Die Linie zwischen Großzügigkeit und Selbstbedienung ist aktuell von außen kaum zu erkennen.

Denn die Stiftung hat zwei Gesichter. Sie ist die Rechtsform, in der Bosch, Zeiss oder Krupp seit Generationen organisiert sind, und in der heute massenhaft Familienvermögen gebunden werden. Insofern ist sie die juristische Hülle des Kapitalismus in seiner deutschen Form. Und sie ist zugleich das (Um-) Verteilungsvehikel, mit dem Vermögende ihr Kapital unwiderruflich weitergeben, sich seiner oft auch persönlich problematischen Logik entledigen können. Diese Doppelnatur sitzt im Kern des Kapitalismus und in dem seiner Kritik. Sie nährt einen „juristisch-philanthropischen Komplex" aus Anwälten, Steuerberatern und Geschäftsführern, der vom gemeinnützigen Geben und vom Erbschaftsteuer-Vermeiden gleichermaßen lebt. Mehr dazu in meinem TEDx-Talk „Who Owns Our Wealth” vom Mai 2025.

Deshalb lautet die Gretchenfrage für Stiftungen heute: „Ist ihr Angebot der ewigen Bindung von Kapital an einen Zweck vor allem für die attraktiv, die es verstecken wollen, oder auch für die, die es weitergeben möchten?” (Handelsblatt, 15.5.2026)

Wenn das Stiften heute mehr sein will als die juristische Ummantelung von Kapital, muss es drei Probleme angehen. Erstens, die Förderquote (s. Handelsblatt „Die 1%-Branche”, 30.04.2026). Bei den großen deutschen Förderstiftungen kommt im Mittel rund ein Prozent des Vermögens pro Jahr bei geförderten Organisationen an. In keiner anderen Branche wäre eine so niedrige Wirkquote des Kapitals vermittelbar. Zweitens, die Familienstiftung. Innerhalb weniger Jahre zur dominanten Gründungsform geworden, eine erfolgreiche Wortschöpfung für die Vermeidung von Erbschaftsteuer. Mit dem, was Bürgerinnen und Bürger unter einer Stiftung verstehen, hat sie wenig zu tun. Drittens, die Intransparenz. Sie verhindert, dass diese Verschiebung in der Branche überhaupt sichtbar wird.

Ob wir wollen oder nicht: Das Stiften liegt gefährlich nah an der definierenden politischen Bruchlinie unserer Zeit, zwischen den Gewinnern und Verlierern einer Vermögenskonzentration, die an vielen Orten ihren Kipppunkt erreicht. Stiftungen müssen sich entscheiden, wo sie stehen. Ob sie Wohlstand fesseln oder entfesseln wollen.

Die nächste Generation der Vermögenseigentümer kümmert die Debatte nicht. Sie erfindet das Geben gerade neu. Weil sie angesichts der Last von Vermögen tun will und angesichts der Folgen des Nichtstuns tun muss. Digital. Transparent. Investiv. Häufiger auch partizipativ. Ob sie das noch „stiften" nennt, spielt für sie keine Rolle. Aber den heutigen Stiftungen sollte es nicht egal sein.

Diese Woche tagt der Deutsche Stiftungstag in Hamburg unter dem Motto „Aus Freiheit handeln”. Es sollte nicht um die Freiheit VON Vorgaben und Transparenz gehen, sondern um die Freiheit ZU Klarheit und Veränderung. Zehn Vorschläge dazu im November-Newsletter.

Das Stiften könnte um ein Vielfaches größer sein als heute. Gemessen am Fördervolumen, nicht am Vermögen. Die beste Idee aller Zeiten hat nicht viel Zeit dafür, bevor eine vermögenskritische Mehrheit sie ins Museum verbannt.


Club Neues Geben

Wirksames Geben ist eine komplexe und persönliche Aufgabe. Der Club Neues Geben bietet Orientierung durch Vernetzung. Keine teure Beratung. Kein Fundraising.

Vor zwei Wochen hat Maja Göpel eine große Runde im Webinar aufgerüttelt. Die Insights aus der Masterclass findet ihr im Blogpost. Als nächstes freuen wir uns auf Ruth von Heusingerund Eckart von Hirschhausen - und im Herbst auf Katharina Beck MdB zur Debatte „Privat oder Staat?”

Der Club Neues Geben ist für alle, die sich finanziell fünfstellig pro Jahr engagieren oder engagieren wollen. Schreib gern an katharina.bauch@bcause.com, wenn du dich interessierst oder eine Person kennst, die von unseren Masterclasses und persönlichen Deep Dives profitieren würde. 

Mehr zum Club Neues Geben


Ein Mensch, der mich inspiriert Felix Silberzahn

Felix Silberzahn ist erst elf und mit der kleinen Online-Stiftung seiner Familie einer unserer jüngsten Engagierten. Schon seit drei Jahren sammelt er Sach- und Geldspenden für die Organisation Housing First, die obdachlosen Menschen schnell und dauerhaft eine eigene Wohnung ermöglicht. Am 24. April hat er den KiKa-Award gewonnen.

Daraufhin wurde Felix zum Botschafter des Bundesverbands Housing First ernannt. Wer die Arbeit zur Überwindung von Obdachlosigkeit in Deutschland unterstützen möchte, kann hier spenden.

Kinderphilanthropie beschäftigt mich seit einer Weile. Die Studie der University of Cambridge „The little dictator: Understanding altruism in young children” (2025) zeigt, dass junge Kinder spontan teilen, helfen und fair handeln, auch wenn niemand zuschaut oder sie selbst verzichten müssen. Ich glaube, wir unterschätzen, wie natürlich Großzügigkeit eigentlich ist, weil wir Kindern erst viel später eigene finanzielle Entscheidungen ermöglichen.

Aus persönlicher Erfahrung kann ich sagen: Die Online-Stiftungen meiner eigenen Kinder spielen eine große Rolle für sie.


Eine Zahl, die im Kopf bleibt 0

„Steuerfrei, 0 Prozent mit Stiftung. Heute Abend, 19 Uhr, live.”„Endlich nicht mehr die Hälfte Ihres Vermögens an den Staat abgeben.” „Immobilie an Stiftung verkaufen. So geht es.”

Null Steuern? Diese Anzeigen begegnen mir auf LinkedIn, YouTube und Co. Dafür muss ich gar nicht nach dem Begriff „Stiftung” suchen. Sie werden an mich ausgespielt– von Steuerberatern, Stiftungsanwälten, Privatbanken. Selbst die (gemeinnützige!) Deutsche Stiftungsakademie bietet Kurse für die „komplexen steuerrechtlichen Fragen" in der „Balance zwischen familiären Interessen und unternehmerischer Handlungsfähigkeit” an.

Um es klar zu sagen: Familienstiftungen gibt es zwar schon lange vor der Bundesrepublik, aber heute sind sie vornehmlich Steuersparmodelle. In dieser Bedeutung begegnet mir der Begriff inzwischen meist in Unternehmerkreisen. In einer WhatsApp-Gruppe „Stiftungen” für Unternehmer geht es fast ausschließlich um Erbschafts- und Wegzugsteuern. Kein Wunder, wenn das gemeinnützige Geben bürokratisch und defensiv kommuniziert, die privatnützige Vermögensabschirmung aggressiv, aber bis zur berufsrechtlichen Grenze vermarktet wird.

Ich würde gern wissen, ob man diese Art der Werbung so regulieren kann, wie das bei bestimmter Finanz- oder Glücksspielwerbung inzwischen üblich ist. Mit Pflichthinweisen auf Risiken und (gesellschaftliche) Nebenwirkungen. Mit Transparenzpflicht. Oder Einschränkung bei Social Media-Ads.

Und falls sich jemand aus dem Bundesfinanzministerium (Erbschaftssteuerreform), dem Bundesjustizministerium (Werbe- und Berufsrecht der Anwälte und Steuerberater) oder der Wettbewerbszentrale (individuell gegen irreführende Anzeigen) zuständig fühlt: gerne melden! Ein Fall für das Bündnis für Gemeinnützigkeit ist die Sache ohnehin, finde ich.


bcause für Organisation

bcause ermöglicht gemeinnützigen Organisationen, Spenden digital zu sammeln, zentral zu verwalten, flexibel abzurufen – und bis dahin zu verzinsen.

135 Organisationen hatten an unserem Webinar zum Thema „Die nächste Fundraising-Revolution” teilgenommen. Wer es verpasst hat oder es noch einmal nachlesen möchte: Hiergibt es die Notizen. 

Wie die Sozialhelden oder die Sarah Wiener Stiftung bcause nutzen, um große und kleine Summen mit Zinsen statt mit Transaktionskosten einzuwerben, könnt Ihr beim Deutschen Fundraising-Kongress am 2. und 3. Juni in Berlin live erleben. 

Oder einfach einen Online-Termin mit meinen Kolleginnen Nicole und Simone buchen.

Mehr Informationen

Eine Idee zum Weiterdenken ”Private Banking Giving”

Wer sechsstellig verdient oder über entsprechende Summen auf dem Konto verfügt, bekommt von der Bank meist eine individuelle Betreuung und Zugang zu besonderen Produkten. Millionen Kunden nutzen dieses weitgehend standardisierte „Private Banking”.

Eine persönliche Betreuung für das Geben gab es bisher nur für die viel kleinere Gruppe der Hochvermögenden. Das wollen Andreas Rickert, Gründer von PHINEO, und ich ändern, indem wir die Expertise der führenden Philanthropie-Beratung mit der digitalen Infrastruktur von bcause zusammenbringen.

Denn um es klar zu sagen: Das Leben der meisten Menschen ist voll genug, um sich nicht selbst mit der Gründung einer eigenen Förderorganisation, mit Satzungen, Jahresabschlüssen, Gremien oder sogar Personalkosten zu belasten.

Zum Deutschen Stiftungstag starten wir das neue Angebot: PHINEO berät zur Strategie, identifiziert Empfängerorganisationen, kuratiert Portfolios. Und das digitale Stiftungskonto übernimmt das Einsammeln, Investieren und Verteilen der Gelder, komplett ohne Verträge, Behördengänge oder langfristige Bindung.

Wer möchte, kann schon für €5.000 nicht nur einen Workshop und die Einrichtung der digitalen Stiftung, sondern auch die komplette Steuerung durch PHINEO erhalten.

Die Idee ist übrigens nicht exklusiv: Jeder Berater kann die Strategien seiner Mandanten auf diese Weise auch direkt umsetzen.


💡 MEHR VON FELIX

LinkedIn-Beitrag von Karsten Timmer zum Wunsch einer Stiftung mit nur €4.000 jährlichen Erträgen, sich in eine Verbrauchsstiftung umzuwandeln - und der Ablehnung durch die Stiftungsaufsicht.


Meine Handelsblatt-Kolumnen „Deutschlands milliardenschwere Ein-Prozent-Branche” (1.5.2026) und „Die Stiftungsidee steckt in der Vertrauenskrise” (15.5.2026)


📅 Kommende Auftritte:

20./21.5. Stiftungstag, Hamburg

21.5. German Startup Awards, Berlin

23.5. Ehrentag, bundesweit

2./3.6. Deutscher Fundraising Kongress, Berlin

3.6. Sommerempfang Club Neues Geben, Berlin (Invitation only)

11.6. EO UNFOLD, Berlin (EO only)

19.6. transform_D, Berlin

19.6. Waterkant Festival, Kiel

15.7. United Philanthropy Infrastructure Summit, Washington/DC

🔍 Needs & Leads

  • Angel Pledge sucht Verbündete: Veronika von Heise-Rotenburg startet mit einer Gruppe von Business Angels eine Initiative, in der sie ihre Exit-Gewinne ganz oder teilweise für gemeinnützige Zwecke versprechen.

  • Die neue Bewerbungsphase für startsocial läuft! Bis zum 10. Juli 2026 können sich soziale Initiativen für eines von 100 Beratungsstipendien bewerben und sich mit der Unterstützung von je zwei Fach- und Führungskräften aus der Wirtschaft weiterentwickeln und ihre Wirkung steigern.

  • „Schluss mit €1,50!”: Die Sozialhelden fordern faire Bezahlung in Werkstätten für Menschen mit Behinderung. Mit der Gesellschaft für Freiheitsrechte unterstützen sie strategische Klagen von Werkstattbeschäftigten. Das ZDF Magazin Royale berichtete.

  • Das bcause-Team liebt diesen malerischen Ort für Offsites: Mit der Angabe dieses Newsletters gibt es kostenlose Saunanutzung und mehr für Buchungen in Neupitz bei Berlin

Schreibt mir gern mit Euren Needs und Leads.



Felix Oldenburg ist Impulsgeber im Bereich Social Entrepreneurship und Stiftungen. 🔗 Buch "Der gefesselte Wohlstand" hier bestellen 🎧 Oder als Hörbuch beim Joggen, Kochen, Autofahren... 📱Auf Instagram und LinkedIn für tägliche Gedanken und Diskussionsanstöße.

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Felix Oldenburg CEO bcause · Vorstand gut.org · Autor "Der gefesselte Wohlstand"

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