7/26 Odyssee / Spendenwelle / Mittelweg
Hallo! Du liest Das Neue Geben mit aktuell 6,974 anderen. 📖 Diese Ausgabe vom Donnerstag, 30. Juli 2026 hat 1.997 Wörter, Lesezeit ca. 10 Minuten
Liebe Lesende,
Dieser Newsletter kommt aus den USA, und er hat es in sich. In New York habe ich mit zwei Großspendenden gesprochen und bin in die P150-Gruppe global führender Philanthropy Consultants aufgenommen worden, in Washington DC habe ich mit Nonprofit-Experten diskutiert, die sich auf eine “dritte Welle” der US-Philanthropie vorbereiten (s.u.), und in Miami erlebe ich gerade eine Stadt, die sich seit der Pandemie komplett zu einem der globalen Anziehungspunkte für Reiche und ihr Geben verändert hat.
Es wäre aber zu einfach, mit großen Augen aus dem “Promised Land” der Philanthropie zu schreiben. Weder meine Kinder noch ich möchten tauschen. Und die schönsten Erlebnisse dieser Wochen hatten wir im Laundromat, am Flipper und in einem Gottesdienst.
Mein Essay handelt auch nicht von meiner eigenen Reise, sondern vom ältesten Reisebericht der Menschheit überhaupt. Im breitesten Kinosessel, in dem ich je saß, habe ich “Odyssey” von Christopher Nolan gesehen (a propos große Augen), und eine Pointe darin hat mich sehr beeindruckt.
Außerdem frage ich mich ausgehend von einer Diskussion, die meine Kolumne im Handelsblatt ausgelöst hat, für wen Steuern freiwillig geworden sind, feiere neue Milliarden-Commitments, und ich freue mich über die bisher größte einzelne Einzahlung bei bcause.
Herzlich, Felix
✍️ ESSAY: Are We The Sea People?

Bild: Ein goldener Olivenkranz im Museum von Troja, fotografiert April 2026
Das Ende der Zivilisation ist nichts Neues, daran muss man sich angesichts mancher Gegenwartsdiskussion erinnern. Vor einigen Wochen stand ich auf dem Hügel von Troja am Eingang der Dardanellen und fand auf YouTube Amateurvideos, die einen Eindruck davon geben, wie magisch sich die Ilias und die Odyssee angehört haben, als sie vor fast dreitausend Jahren von Sängern weitergegeben wurden.
Die Menschheitskatastrophe, an die Homer erinnert, ist der rätselhafte Untergang mehrerer Hochkulturen hunderte Jahre zuvor durch räuberische „Seevölker". Christopher Nolan lässt nichts aus, sein Odysseus muss natürlich dem Zyklopen entkommen, den Verlockungen der Sirenen widerstehen, seine durch Gier zu Schweinen verwandelten Männer befreien, das Nadelöhr zwischen den Meeresgefahren Skylla und Charybdis finden. Das war meine Lieblingsszene als Kind.
Was mir erst jetzt klar wird: Eigentlich geht es im Epos um das Gastrecht, der Schutz des Zeus für Fremde, die so zu behandeln sind, wie man selbst behandelt werden möchte. Nolan stellt diese Variante der goldenen Regel in jede Szene. Und er fügt eine Pointe hinzu: Nach Odysseus’ Rückkehr nach Ithaka fragt die prinzipientreue Penelope mit Blick auf die von Maßlosigkeit und Eifersucht zerfressenen Griechenfürsten in vernichtender Klarheit: „Are WE the sea people?"
Troja ging für Homer nicht unter, weil Barbaren es zerstörten. Es waren die glorifizierten Griechen, denen er eine triumphale Geschichte andichtete. Penelopes Frage steht nicht im Text, aber sie ist so gut, dass ich mich frage, ob die ganze Geschichte nicht ein trojanisches Pferd für diese Einsicht ist.
Nach jeder Zivilisationskatastrophe hat sich die Menschheit wieder gefangen, etwas Neues gebaut, oft das Beste einer idealisierten Vergangenheit zitierend. Ich kann verstehen, dass es auch heute viele gibt, die sagen, es wird schon nicht so schlimm kommen. Im letzten Newsletter habe ich gefragt, wie hoch die Mauern der Vermögen sein müssen, wenn es an immer mehr Stellen brennt. Heute ziehen gewaltige Rauchwolken über Europa und die USA.
Zu Homers Zeit war Griechenland dicht bewaldet. Klimawandel ist auch nichts Neues, könnte man sagen. Es ist verlockend zu glauben, es würde sich schon alles wieder richten. Aber anders als mit den homerischen Göttern lässt sich mit der Erderwärmung nicht verhandeln. Die Fremden, denen wir die Lebensgrundlage entziehen, indem wir nicht teilen, sie leben heute schon.
Nolans Film hat 124 Millionen Dollar am ersten Wochenende allein in den USA eingespielt, meine 15 Dollar-Karte war dabei. Vielleicht ist es ausgerechnet ein Blockbuster, der bei vielen Menschen dazu beiträgt, die große Frage “Was sollen wir tun?” mit der ganz individuellen Großzügigkeit gegenüber Fremden zu beantworten. Egal mit welchen goldenen Lorbeerkränzen wir unterwegs sind, ohne sie sind wir Barbaren.
Ein Mensch, der mich inspiriert Melanie Perkins

Bild: Melanie Perkins, australische Canva-Mitgründerin
Eine der größten angekündigten Vermögensspenden in der antizipierten Tech-Philanthropie-Welle wird konkreter: Canva-Gründerin Melanie Perkins und ihr Mann Cliff Obrecht wollen mehr als 80 Prozent ihres gemeinsamen Vermögens für gemeinnützige Zwecke einsetzen. Aktuell geht es um mehr als 12 Milliarden US-Dollar, rund 30 Prozent des gesamten Canva-Werts für ihre Stiftung. Am 17. Juli starteten sie die Global Goals Platform: Menschen sollen angeben, welches Ziel sie zu ihren Lebzeiten erreicht sehen möchten; erste Pilotprojekte laufen in den USA und im australischen Wollongong, die Ergebnisse sollen Ende 2026 veröffentlicht werden. Parallel hat die Canva Foundation insgesamt 150 Millionen US-Dollar für direkte Geldtransfers in Malawi zugesagt: Mehr als 130.000 Menschen wurden bereits erreicht, weitere 185.000 Erwachsene sollen in den kommenden vier Jahren Zahlungen erhalten.
Noch größer könnten die Summen sein, die in den nächsten Monaten angekündigt werden. Mehrere der sieben Anthropic-Gründer haben schon vor Jahren zugesagt, 80% ihres Vermögens zu spenden, nach ersten Berechnungen über 86 Milliarden Dollar. Die OpenAI Foundation hält eine Beteiligung von rund 130 Milliarden Dollar. Dass gerade jetzt Geld bewegt wird, hat viel mit Steuern zu tun: Bei einem Liquiditätsereignis ist es für US-Tech-Vermögende besonders attraktiv, hoch bewertete Aktien oder Anteile direkt gemeinnützig einzubringen, statt sie erst zu verkaufen. Allerdings wird die Welle weniger wie klassische Spenden aussehen, sondern es wird um Übertragungen in philanthropische Vehikel wie Donor Advised Funds gehen. Wann das Geld an Organisationen fließt, war eine der große Diskussionspunkte beim United Philanthropy Infrastructure Forum in Washington DC, das auf meiner Reise lag.
bcause für Organisationen
bcause ermöglicht gemeinnützigen Organisationen, Spenden digital zu sammeln, zentral zu verwalten, flexibel abzurufen – und bis dahin zu verzinsen. Großspenden sind die größte Hoffnung vieler Organisationen. Aber wie geht das konkret? Wie geht man an die Strategie heran, erschließt Netzwerke, nutzt die Präsenz auf bcause, die Verzinsung der Guthaben und die Fundraising-Tools?
Genau hier setzt eine neue Partnerschaft mit neues-stiften an. In vier kompakten Online-Stunden führt Andreas Schiemenz, einer der erfahrensten Großspenden-Berater im deutschsprachigen Raum, durch die zentralen Erfolgsfaktoren.
Das Seminar richtet sich an Organisationen, die ihr Großspendenprogramm gezielt aufbauen wollen. Vier Stunden, 750 Euro, Anmeldung hier
Oder für konkrete Fragen zur bcause-Nutzung einfach einen Online-Termin mit meinen Kolleginnen Nicole und Simone buchen.
Eine Zahl, die im Kopf bleibt €1,9 Mio

Bild: Spendenwerbung für Demokratie-Fonds am Kudamm
Die bisher größte einzelne Einzahlung bei bcause hat uns im Juli erreicht. Das ist zwar noch nicht in der Größenordnung der US-Spenden, aber es beweist erneut, dass Online-Plattformen nicht nur für kleinere Transaktionen genutzt werden (Insgesamt wurden im Juli damit über 4,5 Millionen Spenden auf bcause Konten eingezahlt).
Anders als in Deutschland habe ich in den USA selten länger als eine Minute gebraucht, um bcause zu erklären. Das Modell ist im Grundsatz das, was als Donor Advised Fund in den vergangenen Jahren weitaus größere Summen als traditionelle Stiftungen aufnimmt. Die Ausschüttungsquote ist deutlich höher, die Handhabung einfacher, die Kosten niedriger. Dennoch werden die Fonds kritisiert, insbesondere wenn sie in der Hand von Banken liegen, für die das Verteilen des Geldes keine Priorität ist.
Und hier weicht das bcause-Modell bewusst doppelt von dem US-Vorbild ab: Wir stellen nicht die steuerlichen Anreize oder die Erträge in den Vordergrund (auch wenn das verlockend wäre), sondern die guten Zwecke, an die das Geld fließen soll. Und auch das größer denn je: Das Riesen-Display am Berliner Ku’damm zeigt gerade zwischen Werbung für die neuesten Mobiltelefone und Kleidungsmarken den Demokratie-Fonds, den wir mit PHINEO aufgesetzt haben.
Club Neues Geben
Bei bcause haben Professional-Mitglieder die Möglichkeit, sich mit Spendenguthaben an der Vermögensanlage der bcause Treuhandstiftung zu beteiligen
Das bedeutet: Eingezahltes Spendenguthaben, bei dem die Entscheidung für die Verwendung noch aussteht, liegt nicht einfach so da, sondern kann bereits aktiv wirken. In unserem Multi-Asset-Portfolio, das breit über Impact-Fonds und -Unternehmen gestreut ist. Während Spendenguthaben dort angelegt ist, arbeitet es.
Im ersten vollständigen Jahr, seit wir dieses Angebot mit unseren Nutzer:innen teilen, erzielte das Portfolio +6,97 % netto p.a. Die Erträge fließen anteilig auf die Stiftungskonten zurück, als zusätzliches Guthaben für weitere Förderungen.
Rund die Hälfte des Kapitals fließt dabei als Primärkapital direkt in 31 Impact-Positionen: Klima, Soziales, Mental Health.
Mehr zu bcause Impact und zur Möglichkeit, sich mit eigenem Vermögen zu beteiligen, im Webinar am 21.9. mit unserem Head of Finance Marvin Wiek sowie der Expertin Wiebke Merbeth aus unserem Anlagebeirat. 📆 Zur Anmeldung: https://lnkd.in/gfqbrKAV Weitere Wissens- und Austausch-Formate für Menschen, die sich mit größeren Summen engagieren möchten, bieten wir zwei Mal monatlich im Rahmen unseres Club Neues Geben an. Schreib gern an katharina.bauch@bcause.com, wenn du dich dafür interessierst. Exklusiv für Gebende, kein Fundraising.
Eine Idee zum Weiterdenken Freiwillige Steuern?
Meine jüngste Handelsblatt-Kolumne über Steuerberater hat ungewöhnlich viel Resonanz ausgelöst. Offenbar trifft sie einen wunden Punkt: Wenn sich große Vermögen mit genügend Beratung so gestalten lassen, dass kaum noch Erbschaftsteuer anfällt, sind Steuern dann für einen Teil der Gesellschaft faktisch freiwillig? Nicht die Steuerpflicht selbst, wohl aber die Entscheidung, wie viel man tatsächlich zahlt.
Dahinter steckt womöglich mehr als der Wunsch, möglichst viel zu behalten. Bei allen kulturellen Unterschieden verbindet viele Menschen in Deutschland und den USA die Überzeugung, selbst besser entscheiden zu können als der Staat, wofür ihr Geld verwendet werden sollte. Das Vertrauen in staatliche Institutionen ist begrenzt; zugleich haben die meisten sehr konkrete Vorstellungen davon, was ihnen wichtig wäre. Vielleicht liegt zwischen Steuerzahlung und Steuervermeidung deshalb ein bislang kaum erschlossener Raum: Menschen wollen durchaus zur Gemeinschaft beitragen – aber sie wollen sehen und mitbestimmen, was daraus wird.
Warum also nicht einen kleinen, für alle gleichen Teil der Steuer zu einem Bürgerbudget machen? Der Staat würde weiterhin über Höhe und zulässige Zwecke entscheiden, die Steuerpflichtigen aber könnten einen Anteil etwa Bildung, Klimaschutz oder Pflege zuordnen und digital verfolgen, was damit geschieht. In Spanien lässt sich bereits bestimmen, dass 0,7 Prozent der Einkommensteuer für soziale Zwecke verwendet werden, ohne dass sich die eigene Steuerlast verändert. In Frankreich müssen betriebliche Altersvorsorgepläne zumindest eine Anlage in einen Solidaritätsfonds ermöglichen. Das ist noch keine demokratische Neuordnung des Steuersystems. Aber es weist auf einen Mittelweg hin: weg von der Steuer als „Schaden“, hin zu einem Beitrag, der sich wieder wie Teilen mit der Gemeinschaft anfühlt.
💡 MEHR VON FELIX
Auftaktartikel für Gemeinwohl-Table “Warum Deutschland eine neue Kultur des Gebens braucht” (22.7.)
Handelsblatt-Kolumnen über Elon Musk (9.7.) und über ethische Steuerberatung (23.7.)
Interview (9.6.) mit SIGU-Plattform
Podcast “Verantwortung - jenseits von Schuldzuweisung und Kontrolle” (26.7.) in “Der Coach-Doc” mit Kai Kochmann
📅 Kommende Auftritte:
27.8. IHK Berlin “Finanzierung in der sozialen Ökonomie”
8.9. Forum und Empfang Neues Geben, Berlin
14.9. Augenhöhe-Forum, Osnabrück → Die inspirierende Geschichte von Gastgeber Karsten Wulf vom Gründer zum Impact-Investor hier auf Spotify
15.9. The Frontier Dinner, mit Renaissance Philanthropy, Zürich
15.9. Brains on Silicon, Dresden
12.10. Jahrestagung Bundesverband Nachhaltiges Wirtschaften
🔍 Needs & Leads

Bild: Beim Ashoka Visionary Program, Wien, März 2026
Leadership-Programme gibt es zuhauf, aber es gibt einen Grund, weshalb ich jedes Jahr wieder gern in Wien beim Ashoka Visionary Program vortrage: Hier kommen aus ganz Europa Menschen aus Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Politik zusammen, die über ihre Organisationen hinausdenken und ganze Systeme verändern wollen.
Endlich gibt es eine Impact-Investing-Konferenz in Berlin: Impact wird Mainstream mit PHINEO u.a. am 10.9. in Berlin
Die Campact-Petition "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit JETZT" von Silke Georgi sorgt dafür, die EU-Entgelttransparenzrichtlinie endlich in deutsches Recht umzusetzen - und damit endlich wirksame Instrumente für echte Lohngerechtigkeit.
Das CSP bietet mit dem Nextgen Impact Investing Programm die aktuell führende Weiterbildung für Vermögenseigentümer:innen aus aller Welt an, die sich mit der Wirkung ihres Kapitals auseinandersetzen möchten. Eine ganze Reihe von Mitgliedern im Club Neues Geben haben davon bereits profitiert.
Schreibt mir gern mit Euren Needs und Leads.
Felix Oldenburg ist Impulsgeber im Bereich Social Entrepreneurship und Stiftungen. 🔗 Buch "Der gefesselte Wohlstand" hier bestellen 🎧 Oder als Hörbuch beim Joggen, Kochen, Autofahren... 📱Auf Instagram und LinkedIn für tägliche Gedanken und Diskussionsanstöße.
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Felix Oldenburg CEO bcause · Vorstand gut.org · Autor "Der gefesselte Wohlstand"
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Es wird so viel geschrieben. Über alles. Außer über das Geben. Täglich begegnen mir Menschen, die mehr geben wollen und können. Ideen und Organisationen, die einen Unterschied machen.
In meinem Newsletter spreche ich über Themen, die sonst unerklärt bleiben: Warum Menschen geben oder eben nicht, welche Wege und Irrwege sie gehen, wie der Markt des Gebens funktioniert - in überraschenden Zahlen, mit inspirierenden Porträts und provokanten Ideen.

