#20 Die Steuern und das Geben

Aug 28, 2025

Warum Steuern und Stiftungen entscheidend für das Geben sind, wie Steuervermeidung wirkt und welche Vision für eine neue Großzügigkeit besteht.


Liebe Lesende,

Es sollte so einfach sein: Das Geben beginnt nach dem Zahlen der Steuern. Erst die Pflicht, dann die Kür, könnte man sagen.

So einfach ist es aber nicht. In jedem Interview, in jeder politischen Diskussion werde ich gefragt, ob unsere Steuern gerecht sind. Und häufig höre ich von Gesprächspartner*innen, sie würden sich ja stärker engagieren, zahlen aber ja schon so viel Steuern.

Zeit für Fakten. Denn hier stimmt etwas nicht. Ich habe die OECD-Länder verglichen im Hinblick auf Steuerquote, Sozialausgaben und Spendenquote. Das Ergebnis ist: Es gibt keine Korrelation. In Ländern mit niedrigeren Steuern wird nicht mehr gespendet, und in Ländern mit höheren Steuern oder Sozialausgaben ist das Engagement nicht kleiner. Die effektive Besteuerung von Vermögen liegt in Deutschland sogar unterhalb der meisten Vergleichsländer. Und dabei spielen ausgerechnet Stiftungen eine zentrale Rolle.

Deshalb auch: Zeit für Ehrlichkeit. Denn eigentlich sollte die Stiftung das Instrument sein, mit dem unsere Gesellschaft die Großzügigkeit organisiert. Tatsächlich sind aber nur noch die Hälfte der Neugründungen überhaupt gemeinnützig. Die andere Hälfte sind meist Erbschaftssteuer-Vermeidungsinstrumente.

Ein ganzer “juristisch-philanthropischer Komplex” ist dafür entstanden, ein systematisches Geflecht von politischem Lobbyismus und Interessen von Dienstleistern, die Chuck Collins 2021 als “Wealth Defense Industry” bezeichnet hat (mehr dazu im Gespräch mit Iris Brilliant in Episode 42 von “Das Neue Geben”). Um es klar zu sagen: Die Vermischung von Wohltat und Steuervermeidung schadet dem Stiften.

Ein neues Geben wird es nicht geben ohne eine Debatte dazu, was Vermögen zum Gemeinwesen beitragen müssen - bevor sie dann darüber hinaus freiwillig wirken. Dazu habe ich eine optimistische Vision, ganz unten in diesem Newsletter.

Euer Felix

PS Auf Social Media geht ja nichts ohne Selfies und klickige Überschriften. So ist das in der Aufmerksamkeitsökonomie der Algorithmen. Deshalb liebe ich das Format des Newsletters umso mehr - und starte ein wöchentliches, englisches Briefing auf Substack.



TERMINE

10.9. 17-19 Uhr “MACH MEHR AUS DEINEM GELD” Wir stellen das neue bcause vor, beim bcause Friends Event in der Malzfabrik Berlin (Registrierung)

12.09. 9-10:30 Uhr, Buchdiskussion auf der Dachterrasse der Handelskammer Hamburg (Registrierung)

15.09. 12-13:30, Online-Webinar Club Neues Geben mit Prof. Falko Paetzold (Uni Zürich) (Exklusiv für Gebende, die sich bereits mit fünfstelligen Summen auf bcause engagieren, bei Interesse Email an katharina.bauch@bcause.com)

30.09. 9-10 Uhr, Online-Diskussion bei #ImpulseStiften (Registrierung)

02.10. 15-16 Uhr, Keynote beim Business Angel Netzwerk Deutschland, Bits&Pretzels, München (Tickets)



Eine Zahl, die im Kopf bleibt Null.

(Aus der Sendung ARD Plusminus zum Thema “Gemeinnützige Stiftungen - wenn Stifter draufzahlen müssen” vom 6. August; am 1. September ist ein TV-Beitrag von MONITOR zum Thema Familienstiftungen auf YouTube verfügbar, eine Woche später läuft er im ZDF.)

Das ist die Zielzahl, auf die das Geschäft mit Stiftungen ausgerichtet ist. Null Prozent Erbschaftssteuer. Wie? Erbende erhalten dabei das Vermögen nicht direkt, sondern werden als sogenannte Begünstigte einer “Familienstiftung”

eingesetzt. So profitieren sie von den Ausschüttungen

aus dem Stiftungsvermögen oder Gewinnen aus

Unternehmensanteilen, die der Stiftung gehören. Die Steuer kann so nahe null gedrückt werden, denn statt die „Bedürftigkeit“ (so heißt das) der Erb*innen zu prüfen, erfolgt sie auf Ebene der Stiftung. Unternehmensanteile gelten als begünstigt und bleiben unberücksichtigt.

Klingt kompliziert? Im Ergebnis ist das einfach: Auf Multimillionen- und Milliardenübertragungen mit solchen Stiftungen wurden 99,9 % der Steuer vermieden (Daten 2021-2023).

Zwar müssten diese Stiftungen eigentlich alle 30 Jahre eine sogenannte Erbersatzsteuer zahlen, aber auch hier gelten Verschonungen und Freibeträge - und das nicht begünstigte Vermögen kann man zum Stichtag ausschütten oder umschichten.

Um so viel Geld zu sparen, geben Menschen viel Geld aus. €150.000 haben die Anwälte berechnet bei einem Unternehmer, den ich bei meiner Buchtour auf Sylt gesprochen habe. Er hat sich letztlich gegen die vorgeschlagene Doppelstiftung entschieden (bei der eine gemeinnützige Stiftung noch für einen weiteren Steuervorteil gesorgt hätte).

Und auch gemeinnützige Stiftungen können ein gutes Geschäft für die Dienstleister sein. Im TV-Beitrag von ARD plusminus habe ich erklärt, warum das Modell der Ewigkeits-Stiftung nur für wenige Vermögensgegenstände passt - und für viele zur Falle für ihr Geld wird. Wer es lieber ausführlich nachlesen möchte: In meiner aktuellen Handelsblatt-Kolumne vergleiche ich die traditionelle Stiftung mit einer Ehe ohne Möglichkeit der Scheidung - und zeige Alternativen auf.

Ich finde, es ist Zeit, das “Geschäft mit der Großzügigkeit” medial so intensiv zu beleuchten - und freue mich auf die Debatten dazu. Denn dem wirklich am Gemeinwohl orientierten Engagement mit privaten Vermögen können die kritischen Nachfragen nur nützen.


Eine Person, die mich inspiriert Silja Graupe


Silja Graupe ist Hochschulgründerin, sie selbst nennt sich Geldphilosophin. Sie ist außerdem unheilbar krank. Erst vor wenigen Wochen hat sie erfahren, dass ihr viel weniger Zeit bleibt als sie dachte, um ihren Lebenstraum zu verwirklichen: Die Hochschule für Gesellschaftsgestaltung in Koblenz so zu finanzieren, dass sie dauerhaft ein transformatives Bildungsangebot macht - eines, das einer nächsten Generation einen neuen Umgang mit Geld und Ressourcen vermittelt. Dafür ist sie auch selbst Online-Stifterin geworden und hat bereits eine halbe Million Euro eingesammelt.

Gerade haben Janina Breitling und ich mit der großartigen Mo* Asumang als Gast die 50. Episode unseres Podcasts “Das Neue Geben” gefeiert. Das Gespräch mit Silja Graupe ragt für mich aber unter den vielen inspirierenden Begegnungen der letzten Wochen heraus. Deshalb empfehle ich hier im Newsletter diese Episode, die gleichzeitig sprachlos und optimistisch macht.



Eine Idee zum Weiterdenken Vermögensgipfel


Ende Juli hat zuerst das Männer-Foto vom “Investitionsgipfel” im Kanzleramt Aufsehen erregt. Und dann wurde es noch komplizierter, wie inzwischen gut recherchiert ist.

Mich hat das zu einem spontanen Vorschlag (LinkedIn, TikTok) bewegt, aus dem vielleicht mehr werden könnte: Wie wäre es mit einem Treffen mit den eigentlichen Vermögenseigentümern?

Die Vision: Deutschland könnte zum führenden Standort werden, an dem sich privates Geld am besten für die Zukunft der Gesellschaft entfalten kann.

Und das geht nicht mit möglichst niedrigen Steuern, sondern vielleicht mit einem anderen Modell: Eine reformierte und auf lange Sicht stabile Erbschaftssteuer auf einer niedrigeren nominalen Höhe, die aber auch tatsächlich effektiv von allen Steuerpflichtigen gezahlt wird. Und Stiftungen verpflichten sich, darüber hinaus ernsthafte zusätzliche Mittel in das Gemeinwohl zu investieren.

Wenn das Wort nicht inzwischen unmöglich geworden wäre, könnte man von einem Deal sprechen, aber einem, der tatsächlich Milliarden bewegt und einen Konflikt befriedet.

Ob nun bei einem Vermögensgipfel im Kanzleramt oder in anderer Gestalt - eine neue Diskussion ist dringend nötig, weil die Zeit drängt. Die politische Mitte schuldet nicht nur dem Bundesverfassungsgericht eine Lösung, sondern auch den Wähler*innen, damit die Wut über die Vermögensungleichheit bei der nächsten Wahl nicht umschlägt.

PS Entgegen dem Klischee ist die Schweiz beim Thema Familienunternehmen weit restriktiver als Deutschland. Dort tobt die Auseinandersetzung: Im Herbst steht ein Reichensteuer-Referendum zur Abstimmung, während die Vermögensverteidiger für dieselben Lösungen zur steuerfreien Vermögensübertragung werben, die es in Deutschland schon gibt.